Archiv September 2006
Warum heißt diese Straße in der Oststadt ...? Fundstraße
Eine historische Straßenbeschreibung über Wohlstand und ein Findelkind für die Gegenwart.

Das weiß niemand so genau. Herkunft unbekannt, heißt es in den amtlichen Unterlagen. Sicher ist, dass diese Straße ein alter Gartenweg war – die Verlängerung der Großen Pfahlstraße bis in die Eilenriede. Und zwar ganz konkret bis zum Holzgraben.
Ausgerechnet in den 1860er Jahren, als die „zivilisatorische“ Besiedlung der Oststadt den Rand der Eilenriede erreichte, sprich, am Waldesrand für Leute, die es sich leisten konnten, begehrte Baugrundstücke erschlossen wurden, wird dieser Teil der Großen Pfahlstraße, der zwischen Flüggestraße und Lärchenberg liegt, in Fundstraße umbenannt. Und das aufgrund einer alten Sage, nach der am Rande der Eilenriede dereinst ein Baby ausgesetzt wurde, welches von braven städtischen Bürgern, die dort ihre Latifundien hatten, gefunden wurde (deshalb heißt es ja auch „Findelkind“). Sie nahmen sich dem Kinde an und zogen es in anständigem christlichen Glauben groß.

August Madsacks Chefredakteur Carl Crome-Schwiening nahm sich denn auch noch dieser Sage an und machte einen scheußlichen Roman draus. Wir Heutigen wissen nur allzugut, dass mit Benamsungen oft Verschleierungspolitik betrieben wird. Wie bereits gesagt: auf die Grundstücke am Waldrand hatten wohlhabende städtische Honoratioren ihre Augen geworfen, Fabrikanten, Militärs, Adlige und was sonst noch Geld besaß. Nun aber hatte es sich in der Zwischenzeit begeben, also zwischen dem Fund des Findelkindes und der Umbenennung des hinteren Teils der Großen Pfahlstraße, dass jene Teile hinter dem Bahndamm, die westlich des Gefängnisses und nördlich der Friesenstraße lagen, städtebaulich eine Terra Incognita waren.

Woraus folgt, dass wir nun auch noch
die Große Pfahlstraße

erklären müssen. Denn die hat mitnichten etwas mit Holzstämmen oder sonstigen senkrechten Säulen zu tun, sondern das alte niederdeutsche Wort „Pfuhl“ in sich birgt. Und das bedeutet Sumpf, Morast, „Sündenpfuhl“. Vor allem steckt in diesem Substantiv das Verb „faul“. Die Große Pfahlstraße ist der alte Gartenweg „am faulen Graben“, der sich etwa vom heutigen Fernmeldeturm hinterm Bahnhof bis in die Eilenriede erstreckte, wo der faule Graben in den Holzgraben mündete, der wiederum in den Schiffgraben und der wiederum in den Wallgraben am Aegidientor mündete.

Die Bezeichnung dieses Weges ist zugleich alt und neu. Was meine ich damit? Dieser breite Weg quer durchs Steintorfeld ist schon um 1700 erwähnt. Vor dem Steintore saßen spätestens zu dieser Zeit die Färber, nachdem man den Gestank ihrer Handwerksbetriebe etwa in der Höhe des Marstalles nicht mehr ertragen konnte. Der Stadtgraben bot reines, klares Wasser (weil von der Leine gespeist), welches die Färber für ihre Arbeit benötigten, doch „aus ihren Kesseln ergoss sich eine trübe, stinkende Brühe und verschmutzte zum Leidwesen der Anwohner die Gewässer.“ *

Deshalb „fauler Graben“. Doch erst zwischen 1850 und 1900 erhält der „Faule Graben“ seinen Namen zurecht. Im Dreieck zwischen Celler Straße, Alter Celler Heerstraße und Friesenstraße produzieren nicht weniger als 13 Mittel- und Großbetriebe, die erhebliche Industriegülle hinterlassen und diese „auf natürliche Weise“ entsorgen.

Quasi den Schlusspunkt dieses Industriegürtels hinterm Bahnhof bildete die Bronzegießerei Bernstorff & Eichwede im Carré Friesen-, Flügge-, Fundstraße. Die Herren Bernstorff & Eichwede waren mitnichten so popelige Schmiede wie die Herren Bode (Geldschränke) und Louis Eilers (Stahlkonstruktionen), sie stellten Kunst her. Kunst für König und Vaterland. Sie gossen den ehemaligen König in Bronze und stellten ihn vor den Bahnhof, sie gossen das Niedersachsenross, das sich noch heute vor der Uni aufbäumt, vor allem aber gossen sie Ernst Bandels monumentalen Herrmann, jenen Armin, der noch heute hoch über der Porta Westfalica dräuend thront, als Nationalheiligtum der Welfen.

Den Anwohnern in der Friesen- und der Fundstraße waren diese nationalen Symbole ziemlich egal. Die älteste Bausubstanz in diesem Karreé stammt aus den 1860er Jahren. Und der Bauspekulant Ferdinand Wallbrecht, dessen HANNOVERSCHE BAUGESELLSCHAFT mittenmang von Industriebetrieben (auf der gegenüberliegenden Seite der Flüggestraße lag die ERSTE HANNOVERSCHE KNOPFFABRIK GOMPERTZ & MEINHARDT, aber von denen gingen keinerlei Emissionen aus) seine billig hochgezogenen Mietwohnungshäuser errichtete, nahm er keine Rücksicht auf die sich daraus ergebenden Wohnverhältnisse. Es herrschte ebenso wenig soziale Verantwortung wie heute.

Was gingen Wallbrecht die Proleten an, die in seinen Häusern siedelten, solange er beim Bau seiner Mietskasernen doch mit seinem Ratskumpan, dem Senatoren Friedrich Willmer, einig wurde. Willmer hatte als Stellmacher hinterm Bahnhof angefangen; d.h. als Kutschenreparateur, vergleichbar einem heutigen Automechaniker. Bald besaß Willmer genug Geld, um Luxuskaleschen zu bauen und noch bälder erheiratete er sich ein Rittergut. Der nächste Schritt war nicht mehr weit. Der Rittergutsbesitzer Friedrich Willmer erwarb die Ratsziegelei in der Engesohde. Seit 400 Jahren war diese im städtischen Besitz gewesen und nun betrieb Willmer Raubbau am hannoverschen Lehm. Tonnenweise ließ er billige Ziegel brennen, die wiederum Baumeister Wallbrecht und andere profitorientierte Bauunternehmer zum billigen Bauen animierten. Billige Baustoffe bedeutete auch immer: ungesundes Wohnen! Schlecht gebrannte Ziegel zogen Feuchtigkeit und Schwamm an, von der Haltbarkeit des Ganzen mal abgesehen.

Wenn wir heute die schönen alten Häuser bewundern, so sollten wir uns vergegenwärtigen, dass es in der Fundstraße vor 100 Jahren sich mitnichten so schön wohnen ließ wie heute.

Übrigens: Am Sonntag, dem 3. September 2006 ab 11 Uhr findet zum wiederholten Mal ein beliebtes Stadtteilfest für die Oststadt in der Fundstraße statt - organisiert von Oststädter Bürgern.

*(Rudi Palla: Falkner, Köhler, Kupferstecher. Ein Kompendium untergegangener Berufe. Eichborn Frankfurt/M. 1994).



Fundstrasse heute
Bronzegießerei Bernstorff + Eichwede


   
Traditionelle Kautschuk - Herstellung in Brasilien (zumindest vor 1950).
Aus dem Buch: Wilhelm Treue "Gummi in Deutschland"
Geschichte der Gummiindustrie und der Conti (Hannover 1955)

Siegmund Seligmann

Conti - Hauptverwaltung Vahrenwalderstraße, erbaut von Peter Behrens 1912

Conti Hauptverwaltung Königsworther Platz, erbaut von Ernst Zinsser 1953

Seligmann Villa

   

Gummi für Deutschland
Erfolgsgeschichten, die Zweite
Siegmund Seligmann und die Conti - Die Seligmann-Villa der Musikschule auf der Hohenzollernsstraße
„Was kann der Siegismund dafür...?“ begann in den 20er Jahren ein Schlager. Was konnte Siegmund Seligmann für die Conti? Eine ganze Menge.
Als die Spanier auf der Suche nach Gold die Völker Mittel- und Südamerikas niedermetzelten, hatten sie keine Ahnung, dass ihnen das wahre Gold an den Klamotten klebte – die Milch des Cautchouc-Baumes. Doch die große Zeit des „Gummi“ sollte noch erst kommen. Nahezu alle Branchen konnten diesen Stoff gebrauchen, denn es ließen sich aus ihm nicht nur Gummistiefel und Radiergummi herstellen, sondern vom Keilriemen über den Autoreifen bis zum (Hartgummi-)Haarkamm, dem Hosenträger bis zur Wärmflasche fast alles. Man könnte Kautschuk auch als ersten für die Erzeugung von Massenwaren geeigneten Kunststoff bezeichnen. Nur – er war keiner. Dieses klebrige Zeug war ein natürlicher Polymer, d.h. ein aus vielen molekularen Bestandteilen zusammengesetzter Stoff. Polymer ist griechisch und heißt: viele Anteile. Auch heutige Kunststoffe werden als Polymere bezeichnet, woraus eigentlich nichts anderes folgt, als dass die Eigenschaften der Milch dieses „Tränenbaumes“ sich einfach nicht so leicht wissenschaftlich erklären ließen.

Dass dessen Eigenschaften weit über dessen Fähigkeit, Dinge zusammenzukleben, hinausging (Gummi arabicum, der Saft einer Akazie, die als Klebemittel diente, war der irrtümliche Namensgeber für die Kautschukpflanze. Beide sind botanisch nicht miteinander verwandt.) Denn im Gegensatz zum „gummi arabicum“ war dieses Kautschuk im wahrsten Sinne der griechischen Vorsilbe „poly“ vielseitig. Das entdeckte um 1840 der Amerikaner Charles Nelson Goodyear. Er erhitzte das Zeug mittels Terpentinöl und Schwefeldämpfen und brachte dieser klebrigen Milch einen festen Zustand bei. Das Verfahren ist heute als „vulkanisieren“ bekannt. Die Ableitung vom Vulkan, der Feuer und Schwefel speit, war dabei durchaus gewollt. Die Technik hatte die Naturgewalten im Griff.

Mit dem Vulkanisierungsverfahren brach der Boom der Kautschukindustrie aus. Bis 1871 war Hannover als Standort der Gummiindustrie nur von regionaler Bedeutung. Es gab zwei Kleinbetriebe, die Hartgummiwaren, wie Kämme, herstellten. 1871 wurde die Continentale Caoutchouc und Gutta Percha Compagnie gegründet, die nun auch groß ins Gummigeschäft einsteigen wollte. Doch Firmenkonzept und Finanzen gingen alsbald auseinander und schon nach vier Jahren drohte der Firma die Pleite. Das schmerzte den Bankier Magnus und er schickte seinen zweiundzwanzigjährigen Kassenbeamten Siegmund Seligmann als Geschäftsprüfer in die Conti. Der war ein schmächtiges, schüchternes Jüngelchen mit einer enormen Begabung fürs Geld. Am 4. Februar 1876 beginnt eine Erfolgsstory, die amerikanisch anmutet, aber dennoch eine für Juden typisch abendländische ist.
Siegmund Seligmann wird am 19. August 1853 in Verden geboren. Der Vater ist Lederwarenhändler. Der will, dass sein Sohn aus dem jiddischen Schacherertum aufsteigt. Nu, dös worn de aldgleibigen Jidden innem Kaftan und mittenen Stremelach (Schläfenlocken), wos missten machen Penunse dorten, wo den Gojim, den Christen verboten war zu handeln.

Vater Seligmann kennt noch diese ganzen Demütigungen und er schickt seinen Sohn aufs städtische Ratsgymnasium. Doch das Geld für die Schulbildung reicht nur bis zur mittleren Reife. Danach muss Siegmund als Commis (sprich: Kommie), als kleiner Ladenschwengel in Harburg arbeiten. Bekannte und Verwandte machen ihn mit dem Bankhaus Magnus in Hannover bekannt. Die suchen einen Kassierer und rechnen kann er doch. Nicht einmal zwei Jahre arbeitet Seligmann für Magnus, als ihm dieser im Sommer 1876 die Vollmacht zum Prüfer der Conti-Finanzen erteilt.

Seligmann erkennt die Kinderkrankheiten eines prosperierenden Unternehmens in der Zeit des deutschen Hochkapitalismus: martialische Weltherrschaftsphantasien, geprägt vom damaligen preußischen Streben zur Großmacht. Das jedoch verbunden mit einer äußerst dünnen Finanzdecke und einem Management, welches von Patriotismus mehr versteht als Buchhaltung. Jung Siegmunds Rat an seinen Chef: die komplette Firmenleitung entlassen, stattdessen einen Techniker und einen Kaufmann als Firmenleitung berufen. Außerdem: die Kapitaldecke aufstocken, denn dieses Gummiwerk würde binnen kurzem die Investitionen wieder einbringen.

Und nun geschieht etwas außergewöhnliches: Der Bankier Moritz Magnus vertraut diesem 23jährigen Spund und beruft ihn als Prokurist der maroden Conti. Auch Seligmanns Rat eines technischen Direktors befolgt Magnus, dem ja das Mehrheitskapital des Pleiteunternehmens gehört. Er ernennt den zwei Jahre zuvor in die Conti eingetretenen Chemiker Adolf Prinzhorn zum technischen Direktor. Als Seligmann drei Jahre später zum Direktor der „Continentalen Cautchouc und Gutta PerchaCie.“ ernannt wird, ist das Direktionsgespann komplett. Prinzhorn bringt die Ideen, Seligmann beschafft das Geld. Der Rest ist Geschichte eines internationalen Konzerns.

Die Conti begann mit der Produktion von Fahrradschläuchen, Wärmflaschen und Gummistiefeln. Doch selbst als in den 1920er Jahren sich die Produktion hauptsächlich auf Autoreifen verlagerte, noch heute das Rückgrat des Unternehmens, war sich Seligmann nicht zu schade, weiterhin Gummistiefel, Wärmflaschen und Sportbälle herzustellen.

Von Siegmund Seligmann selbst gibt es wenig zu berichten. Ihm fehlte die Fähigkeit zur Selbstdarstellung. Jeden ihm angetragenen Aufsichtsratsposten lehnte der ab. Auch als Kunstmagnat war er nicht tätig. Er verschwand hinter seiner Firma. Sogar den Titel Generaldirektor, den ihm das Firmenmanagement 1920 antrug, lehnte er ab. Bis zu seinem Tode im Jahre 1925 war er der schlichte „Direktor der Conti“.

Ein bescheidenes Unternehmerleben, eines, welches man dem gegenwärtigen Firmenchef Manfred Wennemer einmal um die Ohren hauen sollte. Denn Seligmann kümmerte sich. Er kümmerte sich nicht nur um Autoreifen und Wärmflaschen, er kümmerte sich um seine Arbeiter, anders als die Hanomag oder die Chemiefabrik Riedl-de-Häen. Die Arbeit mit Terpentinöl- und Schwefeldämpfen machte über kurz oder lang jeden Arbeiter krank. Also mussten diese sozial abgesichert werden, sollten in gesunden Wohnungen wohnen. Zwischen Phillipsbornstraße, Melanchtonstraße und Vahrenwalder Straße entstand sozialer Wohnungsbau. Wer in der Chemiekeule eines Vulkaniserbetriebes arbeitete, dem musste man Fürsorge angedeihen lassen. Ein krasser Gegensatz zu den protzigen Offizierswohnungen auf der anderen Seite der Vahrenwalder.

In seinem sozialen Engagement ähnelte er dem Gründer der AEG, Walther Rathenau. Ebenso wie jener praktizierte er die Philosophie des Understatements. Für den Bau des Firmensitzes in der Vahrenwalder Straße engagierte Seligmann Rathenaus Architekten und Designer, den damaligen Visionär und Guru moderner Architektur, den eigentlichen Erfinder der „Corporate Identity“, den Architekten Peter Behrens.* Der hatte für Rathenaus AEG bereits eine komplette Firmenphilosophie gestaltet.

Doch sein Wohnhaus ließ Seligmann von einem jungen, begabten Architekten entwerfen, der für Edwin Oppler arbeitete, dem damals bekanntesten jüdischen Architekten Norddeutschlands, der nicht nur die Hannoversche Synagoge, sondern auch die „Marienburg“ für den letzten Hannoverschen König gebaut hatte. Dieser Mitarbeiter Opplers, Hermann Schaedtler, entwarf nun eine Villa, die nach außen hin sehr schlicht wirkt.

Beiläufig, wie beim dritten Hinschauen erst offenbart sich Schaedtlers Kunst. Die geschwungenen Fensterkreuze etwa, die Jugendstilornamente in der Gartenmauer.

Dann tritt man ein und erfährt die ganze Pracht Schaedtlerschen Jugendstildesigns: geschnitzte Wand und Deckenpaneelen, gedrechselte Treppengeländer, alles aus Ebenholz und Teak. Doch nichts wirkt gekünstelt oder protzig wie bei anderen Villen in der Hohenzollernstraße. Kein unternehmerischer Größenwahn demonstriert sich hier, eher britisches Understatement. Der alte Begriff der Gediegenheit fällt dem Betrachter angesichts dessen ein. Alles wirkt wie aus einem Guss. Hier wohnte jemand, der Geld hatte, aber es nicht zeigen wollte.

Erstaunlicherweise hat sich noch kein Architekturstudent diesem Schaedtler-Bau gewidmet. Hermann Schaedtler selbst widmet die Hannoversche Architekturgeschichte nur wenige Zeilen. Vielleicht liegt es ja auch an dem Bau selbst. Er wehrt sich gegen jegliche Abbildung. Irgendwo, zumeist in der besten Perspektive, steht eine Leiter im Weg, kämpfen rot-weiße Absperrfolien aus dem Baumarkt mit Schaedtlers schmiedeeisernen Geländern, hängt im schönsten Fensterkreuz ein handgemalter Zettel „Musikgruppe soundso trifft sich heute nicht“. Wer mag angesichts solcher Verhunzung schon einen solchen Bau erforschen. Und innen sieht es nicht anders aus. Da wurden kunstvolle Stukkaturen mit Rigips-Platten verhängt, in Teakpaneelen wurden Schallschutzplatten rücksichtslos reingedübelt. Wer Augen hätte zu hören, erführe, dass hier ein Kunstwerk leidet, eine Jugendstilvilla, die in Hannover ihresgleichen nicht zu finden braucht.
Das ist nicht die Schuld der städtischen Musikschule, die hier seit dreißig Jahren ihr Domizil hat. Die Schuld, wenn man denn eine suchte, wäre eher auf den Schreibtischen des Rathauses zu finden und in der Unfähigkeit einer Denkmalschutzbehörde, die es zuließ, dass inkompetente Beamte Jugendstildesigns mit Rigipsplatten zudübeln. Doch die Leidensgeschichte des Hauses, welches die Stadt Hannover 1931 von den Erben Seligmanns geschenkt erhielten, begann schon früher; etwa als 1956 die Landwirtschaftskammer das Gebäude von der Stadt pachtete. Vielleicht mag die Musikschule, als sie 1973 einzog, vieles auch schon so vorgefunden haben. Vielleicht mag Willy Träder, der Gründer der Jugendmusikschule und der heutigen Hochschule für Musik und Theater, als Wanderer durch die städtischen Welten einfach genommen haben, was er von der Behörde kriegte, um seine Idee, Kinder und Jugendliche an Musik heranzuführen, in die Tat umsetzten zu können. Ohne ihn hätte es wohl kaum einen Mädchen- noch einen Knabenchor Hannover gegeben, und schon gar nicht die Musikhochschule am Neuen Haus. Die Musikschule hat großartige Arbeit geleistet. Wer den Betrieb einmal drinnen erlebte, ist von der Akustik begeistert (Nur – wäre die Akustik nicht ohne Hinzufügung moderner Baustoffe eben so gut gewesen?).

Doch damit ist es nun vorbei. Nach dem Willen der Stadt hätte es schon länger vorbei sein sollen. Schließlich greifen die städtischen Finanzen nach dem Tafelsilber.

Die nun geplante Nutzung kann für die Kultur Hannovers und weit darüber hinaus nur ein Gewinn sein. Als der jüdische Musikwissenschaftler Andor Iszák mit seinem Fundus an jüdischer Musikgeschichte 1992 nach Hannover zog, blieben seine Kostbarkeiten lange Zeit nur Spezialisten an der Musikhochschule zugänglich. Da diese dereinst vor fast einem halben Jahrhundert in der Seligmann-Villa gegründet wurde, obwohl sie der Landwirtschaftskammer weichen musste und in den Lister Turm zog, erscheint die neue Nutzung nur konsequent. Andor Iszák will bereits im nächsten Jahr in diesem Hause ein „Europäisches Zentrum für jüdische Musikgeschichte“ errichten. Was darf man darunter verstehen? Sagen wir mal, Felix Mendelssohn-Bartholdy ist noch den Klassikerkennern ein Begriff – und wer mehr als das Klassikradio hört, dem ist auch Fanny Hensel geläufig. Doch wie in der Literatur so gibt es auch in der Musik, verursacht durch die Nazis, viel verbrannte Erde. Wenn sich etwa die Büchergilde Gutenberg seit Jahrzehnten um vergessene jüdische Dichter kümmert, so bewahrt Iszák jüdische Komponisten vor dem Vergessen oder will sie wiederentdecken. Und solch ein Institut nun in Hannover! Kein Platz wäre besser dafür geeignet als dieser.

Und schon fällt zum Thema Rekonstruktion und Umbau der Seligmann-Villa wieder der Name eines großen Architekten: Daniel Libeskind. Jener Architekt, der das Jüdische Museum in Berlin baute und „Ground Zero“ in New York neu plante.

Hannover ahnt noch kaum, was da auf es zukommt.

Erschreckend indes ist für mich die Reaktion einiger Freunde, als ich ihnen dieses schilderte:

„Brauchen wir DAS wirklich?“ „Oh nee, da läuft mir ja ne Gänsehaut runter, wenn ich daran denke.“

Leider war nach solchen Statements eine ernsthafte Diskussion nicht mehr möglich. Erschreckenderweise stellt man fest, dass es, selbst im Freundeskreis, noch Menschen (?) gibt, die nicht nur die Ausrottung einer ganzen Rasse, sondern auch einer ganzen Kultur völlig in Ordnung finden.

Sprachlos kann ich nur noch weiterberichten, dass die städtische Musikschule nun - ab 2008 - ins Haus der Jugend in der Maschstraße (direkt hinter der Stadtbibliothek) ziehen wird. Doch eine Warnung an jeden Hausmeister: Auch dieser Bau von Peter Bettex steht unter Denkmalschutz! Als Vorbild aller deutschen Jugendherbergen nach dem WK II.

Doch das ist eine andere Geschichte.

*Ich weiß ja, über Peter Behrens müsste man eigentlich alles oder dürfte nichts sagen. Ich habe mich für den mangelnden Mittelweg entschieden. Die Bedeutung von Behrens für die Gestaltung von Innen- und Außenräumen sollte der Interessierte in Handbüchern zur Geschichte der Architektur und des Designs nachschlagen. Hier ist leider kein Platz dafür.

Oststädterinnen und Oststädter!
Wählen gehen! Am 10. September!
Den Kernern für Ihre Kernerarbeit danken.

Ja, es ist schon ein Übel mit der Politik. Nix kriegt sie ordentlich hin und alles weiß sie besser und das immer – aber – man wird ja auch nicht gefragt. Da schalt ich lieber um.

Gesundheitsreform hatte man sich erhofft, mehr Wettbewerb und Flexibiltät, sinkende Beiträge, schaffen tut die Politik Gesundheits-Monopolbürokratien, steigende Beiträge usw. usf..

Ist das gesund? Und jetzt kommt am 10. September da die Kommunalwahl für die Region Hannover, die Stadt, unseren Stadtbezirk Hannover-Mitte, den Regions-präsidenten und den Oberbürgermeister ...

Ist das der kleinste gemeinsame Nenner, der Anfang vom großen Wurf oder nur ein schlechtes Programm?

Nun ja, ich glaube, gute Politik fängt im Kleinen an. Dort, wo die Bürger sich im Gemeinwesen, im Stadtteil, zusammen finden und politisch diskutieren. Man trifft sich - im Kleinen, um über große Politik reden zu können. Ohne umzuschalten. Und nicht nur zu reden. Aber auch handeln.

Wer schafft das heute schon noch, wo alle lieber umschalten? Das politische Handeln im Kleinen ist aber die Kernerarbeit am demokratischen Gemeinwesen. Im Kleinen geht es um die kleinen Themen, die man verändern kann und das Große hat man dabei auf dem Schirm. Die bürgerschaftliche Kernerarbeit ist unverzichtbar.

Tatsächlich kümmern sich die Oststädter Bürgerinnen und Bürger, die in das Stadtteilparlament, den Stadtbezirksrat Hannover-Mitte, gewählt werden, um alles was liegen bleibt und vieles mehr, z.B. die gelben Säcke in der Gretchenstraße, an denen eine Zeit lang die Ratten nagten, sie streiten und einigen sich um eine richtige Verkehrs- und Parkplatzpolitik in der Oststadt, das Pissoir auf dem Weißekreuzplatz und den Hundekot.

Das lokale Engagement dieser Parlamentarier im „Kiezparlament“ orientiert sich nach meiner Erfahrung so gut wie ausschließlich am Gemeinwohl, an dem, was die diskutierenden Basis- bzw. Stadtteilgruppen der Politik, die Ortsvereine der SPD, CDU, Grünen, FDP und was sonst noch an politischen Aktionsgruppen mitwirkt, glauben, für Sie, die Bürgerinnen und Bürger erreichen zu können. Der Zeitaufwand ist erheblich und eine Aufwandsentschädigung kaum vorhanden. Übrigens werden hier 90 % der Entscheidungen einvernehmlich, d.h. über alle Parteigrenzen hinweg getroffen, was ein sicheres Indiz für gelebten Pragmatismus ist.

Achim Sohns Stadtteilforum Hannover-Oststadt

Informationen zu den Parteien und ihren Programmen finden Sie unter den Rubriken ‚Politik’ ‚Kommunalwahl in der Oststadt’ und ‚Politik’ ‚Parteien’ auf dieser Website. Einige Parteien haben für www.Hannover-Oststadt.de aufgeschrieben, was sie in der letzten Wahlperiode für den Stadtteil gemacht haben und was sie in der neuen Wahlperiode vorhaben. Schauen Sie doch da mal rein.