Archiv Oktober 2006
Warum heißt diese Straße „Hohenzollernstraße“ ?

Weil Sie nach des letzten Kaisers Geschlecht benannt wurde. Auch hier wollen wir nicht darauf eingehen, warum ein ursprünglich süddeutsches Adelsgeschlecht in die Mark Brandenburg verschlagen wird.* Soviel nur müssen wir wissen: S.M. Kaiser Wilhelm II. war gebürtiger, bzw. vererbter Hohenzoller. Deren Wurzeln lagen in Schwaben und deswegen heißt dieser Landstrich um Tübingen, Reutlingen, Rottweil, Biberach und Sigmaringen auch nicht Württemberg oder Baden oder so ähnlich, sondern: Hohenzollern-Sigmaringen; aber schon gar nicht Schwaben! Denn däsch Ländle hat siej doch büsch aufs Jetzetle die ländlische Äigenschtändlischkeide bewahred. Unn so simmer nimmer no waren mer nie un net Schwabe. Diese Philosophie mag verstehen wer will, jedenfalls stammen die Preußen aus Sigmaringen, nachdem sie die ursprünglichen Preußen, die Balten waren und rings um Königsberg siedelten, ausgerottet hatten. Das alles ist ziemlich verwirrend. Nur erklären Sie mal die Hohenzollernstraße ohne 800 Jahre preußische Geschichte.
Aber jetzt mal aufs Aktuelle, bzw. das, was bei der Errichtung der Hohenzollernstraße aktuell gewesen war. Zwar hatten die Preußen das Königreich Hannover 1966 okkupiert und es war zur Provinz herabgesunken, doch unser glorreicher jugendlicher Kaiser war doch stark von seiner Oma beeinflusst. Und die hieß Victoria und war nicht nur die englische Königin, sondern man sagte ihr nach, sie sei die Mutter Europas. Wilhelm hatte an Hannover seinen Narren gefressen. Welchem Herrscher vor ihm wäre es schon gelungen, während seiner dreißigjährigen Regentschaft mindestens zweimal im Jahr, meistens öfter, sich in der okkupierten Provinz blicken zu lassen. Grund genug, diese „Wohnanlage par exellance, die begüterten Bürgern Hannovers als Bauquartier diente“, nach des Kaisers Geschlecht zu benennen.

Schließlich hatten es sich S.M. nicht nehmen lassen, den Hannöverschen ihre Prinzessinnen zu schenken. Jene Skulptur, die Johann Gottfried Schadow 1797 in Berlin gefertigt hatte. Am 19. Juli 1910 wurde diese Kopie der Schadowschen Skulptur in der Mitte der Hohenzollernstraße aufgestellt und von Kaiser Wilhelm persönlich enthüllt.**

„Die Hohenzollernstraße hat den Vorzug, unmittelbar am Walde zu liegen. Hier hat der Berliner Grunewald Schule gemacht. Wer es sich leisten kann, siedelt in weitläufigen Grundstücken am Walde. Der Drang nach dem Walde hat auch in Hannover noch nicht aufgehört. Ganz wenige Überbleibsel aus alter Zeit sind noch vorhanden, als Hannovers Gartenleute hier wohnten.“***

Das Wohnen am Stadtrand war seit langen Jahrzehnten äußerst begehrt. So schrieb der Generalhofmarschall Freiherr von Wangenheim 1825: „heutigen Tages wünscht niemand mehr in einer gedrängten Stadtreihe zu wohnen, sondern bei Kauf und Miete wird auf ein Gartengrundstück außerordentlich Rücksicht genommen.“**** Sprachs und siedelte sich am Standrand an, im Wangenheim-Palais am Friedrichswall.

Die Gründe dafür waren einleuchtend. In der Stadt, der alten Stadt, herrschten „unsägliche Miasmen“, die Ausdünstungen der Stadt, die freilich für die feinen Nasen der Hochwohlgeborenen schier unerträglich gewesen sein mussten. Sie waren schier unerträglich, doch die Wohlgeborenen dieser Stadt hatten mit ihren Immobilien, die sie an arme Leute vermieteten, vieles dazu beigetragen. Sie ließen ihre Häuser in der Altstadt so dermaßen verrotten und vergammeln, dass es wirklich allerorten in Hannover nach Armut stank. Man selbst siedelte in der freien Luft am Waldrand.

Nirgendwo in Hannover gab es so viele Prachtstraßen wie in der Oststadt. Es begann mit der Königstraße, die Georg Ludwg Laves 1854 erbauen ließ.

Als deren Grundstücke zwischen Bahndamm und Neuem Haus vollständig bebaut waren, richtete die Stadt 1874 eine neue Planstraße ein, die Bödekerstraße. So drang die Besiedlung des Stadtran-des immer weiter bis zum Waldrand vor, schickte die letzten Gartenleute in die Wüste und legte 1888 die Hohenzollernstraße an.

Zwischen der Bödeker- und der Hohenzollernstraße herrschte bis etwa 1910 noch Hinterhof-Atmosphäre. In den Nebenstraßen, wie Holzgraben, Lärchen- und Ostwender Straße, siedelten noch die kleinen Leute.

Doch das ganze Areal Bödekerstraße, Hohenzollernstraße und deren eingequetschte Nebenstraßen , ja sogar der Bereich Friesenstraße – Flüggestraße bis hoch zur Steinriede, waren Bestandteil eines großen Planes. Und den hatte sich der Bauunternehmer, Architekt, Zementfabrikant, Reichstagsabgeordnete und städtische Senator und Stadtbaumeister Ferdinand Wallbrecht ausgedacht. Wenn es heute in der Kommunalverfassung den Begriff der Inkompatibilität gibt, womit der Ausschluß jeglicher Verknüpfung von Amt und Mandat gemeint ist, so kannte Wallbrecht solches nicht. Er bestimmte die Baugebiete und deren Nutzung (also: wo welche Siedlungen für welche Menschen gebaut wurden), dann schickte er seine Planierkolonnen los, um die Gartensiedlungen plattzumachen, ließ dort Straßen anlegen und bebaute sie anschließend auch noch. Alles in eigener Regie. D.h., eigentlich hieß das Hochbauunternehmen, welches die Häuser baute, „Hannoversche Baugesellschaft“, gehörte aber zu 100 % Ferdinand Wallbrecht. Die Bödekerstraße und die Hohenzollernstraße und die Yorkstraße und den Moltkeplatz und den Bonifatiusplatz und die Ferdinand-Wallbrecht-Straße legte freilich der Bausenator der Stadt Hannover an. Die Bauarbeiten führte allerdings die Hannoversche Baugesellschaft durch.

Wallbrecht schuf „Rundum-sorglos-Pakete“. Vom Straßenbau bis zu den Gebäuden, alles in einer Hand. So konnte er denn auch großzügig planen. Ostwende: ein einziges Karrée für billigen Mietwohnungsbau.

Projekte: Bödeker- Hohenzollernstraße: Profitable Prachtbauten, die sich auch lukrativ weiterverkaufen ließen. Und wer erwarb dort nicht alles Grundbesitz, nur um ihn teuer zu vermieten. Wilhelm Kröpcke, Richard von der Linde, August Madsack, Werner Bahlsen, Georg Bode und viele viele hannöversche und preußische Uradlige. Die wohnten dort zum Großteil auch, aber vor allem hatten sie von Wallbrecht allerfeinste Immobilien gekauft, die sie lukrativ vermieteten. Das Geld für diese Prachtstraßen verdiente Ferdinand Wallbrecht nicht mit dem Verkauf feiner Villen, er verdiente es mit der Masse billigst hochgezogener Mietskasernen. Die Ziegel dafür lieferte ihm ein Ratskumpan, Friedrich Willmer. Der hatte zwar als einfacher Stellmacher hinterm Bahnhof angefangen (d.h. Kutschenreparateuer, also Automechaniker), konnte sich durch reiche Heirat alsbald als Produzent von Luxuskutschen etablieren und schließlich schusterte ihm der Senat 1878 die 600 Jahre alte Ratsziegelei in der Engesohde zu. Damit wurde Willmer noch reicher, konnte sich ein Rittergut kaufen und zum zweiten Male und diesmal adlig heiraten. Willmer lieferte Wallbrecht sowohl die billigen Ziegel für seine Großbaustellen als auch die teuren für die Villen. Dass Wallbrecht dann auch noch ganze Häuserblöcke der Altstadt niedermähte, um die Karmaschstraße zu schaffen, das steht auf einem anderen Blatt, zeugt jedoch ebenfalls von der Rücksichtslosigkeit eines Bauspekulanten.

Die Oberschicht dieser Zeit kannte keine soziale Verantwortung. Sie brüstete sich damit, dass Kriegshelden wie Otto von Emmich, Paul von Hindenburg und Alfred von Waldersee in ihren Mauern hausten und erhob sie zu Ehrenbürgern. Alles was unterhalb ihres Standes vegitierte, betrachteten sie als „krankhaft asozial“ und „moralisch minderwertig.“

Komisch – mir kommt es so vor, als würden neueste Töne in unserer Gesellschaft bereits wieder diese altvertrauten Klänge ausstoßen. Mehr fällt mir dazu nicht mehr ein.

Detlef H.O. Kopmann



* Das kann man nämlich in der großartigen neuen Ausgabe der Zeitschrift „Geo-Epoche“ nachlesen, denn dieses Themenheft berichtet über die preußischen Anfänge.

** Obwohl das nicht hierher gehört, kann ich mir eine Interpretation der Schadowschen Mädels nicht verkneifen. Sie waren echte hannöversche, obwohl sie Luise und Friederike von Mecklenburg-Strelitz hießen. Aber der Papa war Diplomat am hannoverschen Hofe und beide wurden mit Leinewasser getauft. Luise wurde Königin von Preußen und als Diplomatin wider Napoleon (das Tilsiter Treffen) berühmt, aber leider nur 35 Jahr alt. Napoleon war von ihr wahnsinnig beeindruckt. Friederike war eher ein heißer Feger. Sie war die lebenslustigere und überlebte schließlich beide Männer, obwohl die Reson sie zwang, den Prügelkönig Ernst August (den Bahnhofsvorsteher) zu heiraten. Schadow baut hier nichts mythisch glorifizierendes auf, er zeigt einfach zwei junge Frauen, von denen die eine (Luise) selbstbewußt, aber mit ernster Miene geradeaus blickt, während Friederike leicht versonnen beiseite schaut. Schadow hat hier kein martialisches Denkmal geschaffen, sondern er hat zwei lebendige junge Frauen dargestellt. Es ist fast eine Fotografie. Eine Augenblicksaufnahme.Inmitten all der brutalen Kriegerdenkmäler sind Schadows Königinnen ein Lichtblick in Hannover. Ja, sie sind mit den Nanas verwandt.

*** Den Charakter der Hohenzollernstraße und der Bödekerstraße hat Max Tönjes im Hannoverschen Tageblatt am 01. 03. 1921 beschrieben.

****Zitiert nach Georg Höltje: Pläne zur Erweiterung der Stadt Hannover von der Zeit der Befreiungkriege bis zur Einführung der Eisenbahn. Höltje hat diesen Aufsatz 1932 in den Hannoverschen Geschichtsblättern veröffentlicht und der ist heute selbst eine Quelle, weil viele Akten, die Höltje zitierte, im WK II vernichtet wurden.


   

Die hannoverschen Prinzessinnen Foto: D. Kopmann
Hohenzollernstraße um 1900



Bödekerstraße um 1910

Bödekerstraße um 1875

Bödekerkrippe 1910

Pastor Hermann Wilhelm Bödeker mit Gattin
Und natürlich müssen wir uns nach den vorangegangenen Artikeln nun auch der
Bödekerstraße
widmen. Einfach deshalb, weil es ohne die Bödekerstraße eine Hohenzollernstraße nicht gegeben hätte. Zu den Gründen, die zur Entstehung dieser Straße führten, wurde bereits im Artikel zur Hohenzollernstraße alles gesagt. Dennoch soll hier nochmals Max Tönjes zu Wort kommen:

„Die Bödekerstraße umschließt gleichsam als innerer Ring dieses Stadtviertel und verbindet das Neue Haus mit der List. Als diese Straße gebaut wurde, wollte man hier ein bevorzugtes Wohnviertel schaffen und das ist bis auf den heutigen Tag auch gelungen. Auch die Verbindungsstraßen nach der Hohenzollernstraße dienen den gleichen bevorzugten Wohnungen.“

Die Bödekerstraße wurde 1875 gebaut, als die Reichen und Schönen in der Königstraße keine Baugrundstücke mehr fanden.

„Diese Entwicklung hängt aufs Engste mit dem Ausbau der Bödekerstraße zusammen.“*

Diese Straße wurde nach dem Pastor Wilhelm Bödeker benannt. Der war Hauptpastor an der Marktkirche gewesen und am 7. Januar 1875 verstorben. Hermann Wilhelm Bödeker war nicht irgendein Pastor. Er war nicht nur Pfarrer an der hannoverschen Hauptkirche, er war der König der Schnorrer, der Meister der Spendeneintreiber – und Hannovers größtes soziales Gewissen. Und das nutzte er zur Finanzierung seiner sozialen Einrichtungen auch gnadenlos aus. Das offenbarte sich nicht nur in den über zwanzig Spardosen, die er sich von der noblen Bronzegießerei Bernstorff & Eichwede gießen ließ, die, wie bereits beschrieben**, in der Friesenstraße saßen. Diese verteilte er im ganzen Stadtgebiet. Das waren natürlich nicht so ganz profane Groschenabwurfstellen, sondern den Spaziergänger blickten halbmeterhohe Barockengelchen an, die ein Spardöschen in ihrem Schoß hielten. Deren Blick hatte etwas unverschämtes an sich. Sie schauten nicht nur lieb, sondern auch herausfordernd. Wenn du an mir vorübergehst, dann hast du mich nicht lieb. Wenn du mir keinen Groschen gibst, dann hat dich auch Gott nicht lieb.

Zweie von Bödekers Engeln haben die 150 Jahre überlebt. Sie stehen jeweils am Eingang zum Engesohde-Friedhof und zum Stöckener Friedhof. Und ihre Wirkung ist noch immer ungebrochen. Damit nicht genug. Es geht die Geschichte, dass Pastor eines Tages vor seinen König Ernst August trat und gesagt haben soll: „Majestät! Ich verlange nicht viel. Für mich selbst verlange ich gar nichts. Aber für Gottes Segen muss ich hundert Taler haben.“
Und er soll nicht eher gegangen sein, bis dass er sie erhalten hatte.

Wenn es um seine sozialen Einrichtungen ging, wie sein „Ausbildungsinstitut für weibliche Dienstboten“, das seit 1846 in der Kronenstraße saß, oder seine „Warteschule“ in der Friesenstraße, eine Kinderkrippe für Fabrikarbeiterinnen, die heutige Bödekerkrippe,

da rückte er jedem, der Geld hatte, auf die Pelle. Und Wilhelm Hermann Bödeker war so hartnäckig wie eine Zecke. Man könnte ihn als Erfinder des modernen Sozialmanagements bezeichnen. Er gründete während seines Lebens 63 soziale Einrichtungen. Darunter neben den genannten in der Oststadt die „Marienstiftung“ für alleinstehende Mütter, das „Sabbathaus“ in der Krausenstraße für mittellose Senioren, das „Rettungsheim“ für gefährdete Jugendliche in Großburgwedel.

Bödeker, das war alsbald ein soziales Großunternehmen, denn alle seine Stiftungen waren miteinander vernetzt. Sein ganzes Leben lang kümmerte sich der Pastor um die Beseitigung sozialer Missstände. Dass viele seiner Erziehungsmaßnahmen an der harten Wirklichkeit vorbeigingen, das kann man ihm heute vorwerfen. Die christlich-lutherische Maxime „Bete und arbeite“ traf selten die Probleme derer, denen Bödeker helfen wollte. Dennoch bleibt diese wohl einmalige Leistung. Mehrere hunderttausend Taler habe er in seinem Leben gesammelt, sagte Bödeker wenige Monate vor seinem Tod. Er selbst gab sich stets wie ein armer Dorfpfarrer.

Aber auch das war nur ein Trick von ihm. Denn so ganz nebenbei erfand er auch das Konzept der spendenfreudigen Elite-Clubs, wie wir sie heute als Rotary oder Lions kennen. Hermann Wilhelm Bödeker gründete einen solchen Club, der den unverfänglichen Namen trug:

„Norddeutscher Morgenpromenadenbeförderungsverein“.

Man traf sich am Lister Turm zum morgendlichen Spaziergang vor dem Gottesdienst. Danach saß man zum Kaffee im Lister Turm zusammen. In diesen Verein wurde jedoch nicht jeder aufgenommen. Man musste schon „eine dicke Marie“ mitbringen, wie wir Hannöverschen zu einer prallgefüllten Geldbörse sagen. Zwischen Kaffee und Kuchen wurde dann gnadenlos zur Kasse gebeten. „Unter 500 Talern ging da keiner raus“ berichtete mir der Urahn eines Promenadenmitglieds, und das waren umgerechnet so ca. 400,- €, Mindestbeitrag wohlgemerkt. Und das jeden Sonntag nach dem Kirchgang.

Das mag alles sehr ironisch klingen. Doch auf diesen Straßennamen kann Hannover stolz sein. Wenn auch die Generale Emmich, Hindenburg und Waldersee noch immer ein anderes Bild von Hannover vermitteln. Ein solcher Einpeitscher sozialen Engagements täte uns auch heute sehr gut. Einer, der sich weder von unternehmer-orientierter Arbeitsmarktpolitik noch von einer pharma-industriellen Gesundheitspolitik beeindrucken lässt. Einer, der einfach seinen Stiefel durchzieht.

Wie klein würden jene werden, die sich heute erdreisten, Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger als arbeitsscheues Lumpenpack zu bezeichnen, die sich auf Kosten des Staates einen sonnigen Lenz machen. Hermann Wilhelm Bödeker hat diese Unkenrufer schon zu Zeiten den Hochkapitalismus gekannt, und er hat sie sich zur Brust genommen und rücksichtslos geschröpft.

Ein solcher täte uns heute bitter Not.

Detlef H.O. Kopmann



* Max Tönjes, Hannoversches Tageblatt, 01. 03. 1921, für alle die Bödekerstraße betreffenden Zitate.

** Siehe Septmeberausgabe: Stichwort „Fundstraße“