Archiv November 2006
Erfolgsgeschichten: der Raschplatzpavillon - Teil 2
Interview mit dem Geschäftsführer Uwe Kalwar

Dreißig Jahre Pavillon. Mit dreißig hat man die wilden Jahre in der Regel hinter sich und wird langsam erwachsen. Kann man sich aber einen erwachsenen Pavillon vorstellen?
Man ist ja mit 18 schon volljährig und hat seine ersten Erfahrungen gemacht. Da wird man schon gelassener. Die Organisation wird auch schon etwas überlegter, ruhiger, weiser vielleicht auch. Da ist es ganz gut, Organisationsformen zu haben, die überlegt sind und auch geeignet, Freiräume zu schaffen, um den Kopf jung zu halten und progressiv in die Stadtgesellschaft hineinzuwirken. Das war immer unser Ziel und das ist uns über die Jahre hinweg durchaus gelungen

Kannst Du Eure Organisationsform kurz umreißen?

Es ist ein Verein. Der hat sich 1975 in der Hallerstraße, in der legendären Kneipe Eckernkrug gegründet. Aber das war noch vor meiner Zeit. Ich bin angestellt beim Verein. Wir haben da Zivildienstleistende, Halbtagsstellen, Mitarbeiter und haben die Organisation aufgeteilt in den Programmbereich, den Verwaltungsbereich und den hausorganisatorischen Bereich. Diese Bereiche treffen sich zu regelmäßigen Konsultationen. Montags wird der Wochenplan für die Organisation der Veranstaltungen gemacht. Alle zwei Wochen treten die Programm-Mitarbeiter zusammen, und die Verwaltung muss das Quittungs- und Belegwesen führen. Das ist die Struktur. Und bei einigen Jobs ziehen wir uns in Tagesseminaren zurück und kucken, wo müssen wir nachjustieren, wo müssen wir aufrüsten, wo gibt es Mängel, wo müssen wir noch besser werden. Und natürlich Programmentwicklung für die Zukunft. Und wenn es ein Zukunftsszenario gibt, also: wie ist die Aufgabenstellung des Pavillon in der Stadtgesellschaft des Jahres 2020, dann wird eine Arbeitsgruppe gebildet. Da sind zwei Mitglieder vom Vorstand dabei und dann suchen wir uns noch Leute mit Sachverstand dazu, und so sind wir in dieser Arbeitsgruppe ein fröhliches halbes Dutzend mittlerweile.

Wie lange bist Du jetzt schon dabei?

Ich habe als Zivildienstleistender angefangen. Danach wurde ich von der Bürgerinitiative angestellt und habe sieben Jahre für die BI gearbeitet. Nach zwei Jahren Unterbrechung bin ich jetzt seit 1990 in der Geschäftsführung.

Die BI Raschplatz-Pavillon hat ja exakt am zweiten Lister-Meilen-Fest 1975 angefangen. Statt Billy Mo und die Lindener Funken-Mariechen gab's in einer Baracke Alternativkultur. Da ist die BI zum ersten Mal so richtig negativ aufgelaufen, im Sinne der alten Oststädter, die ihr fröhliches Meilenfest feiern wollten.

Was haben die da gemacht?

Nichts anderes als Euer Workshop seit zwanzig Jahren macht: Graffitis, Plakate, "Schmierereien". Ich kann mich noch genau daran erinnern. Aber dass das so ein Skandal war damals, davon erfuhr ich erst viel später im Rahmen meiner Oststadtrecherchen. Da sagten mir die Ureinwohner: die sollen erst mal ihre Schmierereien wegmachen, dann können wir mit denen reden.

Ja, das war die Zeit, in der in Hannover und anderswo vieles auf den Prüfstand gestellt wurde. Da bewegte sich endlich was in der Gesellschaft. Da wurden gesellschaftlich relevante Themen diskutiert wie die Friedensbewegung, die Solidarität mit der 3.Welt und die Frage der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Das waren die Kernthemen. Und das politische Kabarett besaß noch immer das Niveau der Münchner Lach- und Schießgesellschaft.

Wie meinst Du das?

Na, die waren doch nicht politisch genug.

Das sehe ich anders. Denk doch mal an Dieter Hildebrandt, Gerhart Polt, Henning Venske, um nur einige zu nennen. Die haben sich doch regelmäßig im Fernsehen mit den Programmoberen angelegt, weil diese deren Sendungen für linke Propaganda hielten.

Ich habe wenig fern gesehen. Fernsehen, das war doch meistens Verblödung. Hier, vor Ort, spielte sich lebendige Kultur ab, politische Kultur.

Ich versteh schon. Der springende Punkt ist, dass unsere Generation halt nicht mehr die belehrenden Töne unserer Elterngeneration hören wollte, sondern wir wollten unser eigenes, junges Kabarett, eines, das unserer Sprache sprach. Und Musik und Theater und alles, was wir damals unter Kultur verstanden.

Genau, richtig. Deswegen sind ja diese Kulturzentren damals entstanden. Das fing damals, Mitte der Siebziger, im ganzen Lande, also in ganz Niedersachsen an zu wachsen. Und zusammen mit dem Pumpwerk in Wilhelmshaven und mit der Lagerhalle in Osnabrück waren wir die ersten im Lande. Heutzutage wird das Politkabarett freundlichst zu den Kabarettwochen in die Orangerie eingeladen und beim Kinder- und Jugendtheater gibt es mittlerweile eine schöne Angebotspalette in Hannover. Daran kann man doch sehen, dass sich so einiges bewegt hat in den letzten dreißig Jahren.

Wie zum Beispiel der Verband der Kinder- und Jugendtheater, der seit einigen Jahren im alten Theatermagazin in der Kestnerstraße sitzt.

Das meine ich. Das ist ja sozusagen "nur" die Koordinationsstelle für die ganzen Theatergruppen. Und wenn die Leute jetzt in diesem klassischen Kulturgemäuer sitzen, dann zeigt das doch, dass unser Weg richtig war.

Muss man rückblickend nicht feststellen, dass diese ganzen Lister-Meile-Altvorderen nicht ziemlich naiv waren? Schließlich hatte die Oststadt vor 30 Jahren nach Linden die höchste Dichte an WGs. Und denen wollte man noch mit Billy Mo und deutschem Schlager kommen?

Das stimmt schon. Dieser Stadtteil wurde schon rein zahlenmäßig von Leuten beherrscht, die sich der alternativen Szene zugehörig fühlten. Diese hausbackene Volksmusik interessierte die überhaupt nicht. Aber: dass es die nicht interessierte, interessierte die Veranstalter dieses Meilenfestes überhaupt nicht. Und so kam es dann zu der Besetzung des Pavillons. Aber bei diesen hausbackenen Veranstaltungen, denk nur mal an das Schützenfest, da dauern Veränderungen doch länger als man denkt.

Wie ist das Verhältnis mit den Oststädter Geschäftsleuten, mit dem Verein "Aktion Lister Meile", heute?

Da gibt es wenig Berührungspunkte. Die haben eine andere Aufgabenstellung und insofern gibt es da kaum Schnittmengen. Schnittmengen gibt es dann, wenn es darum geht, wie man die Stadtteile mobilisieren kann. Da gab es Anfang dieses Jahres Gespräche, wie man diesen ganzen Stadtteil unter dem Begriff "Lister Meile" subsumieren kann. Um jetzt schon Gegenbewegungen für den Zeitpunkt zu entwickeln, dass die Lister Meile irgendwann kaufmännisch darniederliegen könnte. Da wurde besprochen, wie man den Weißekreuzplatz, die ganze Oststadt, näher an die Innenstadt anbinden kann, um auch hier urbanere Lebensbedingungen zu schaffen.

Meinst Du "urban" etwa im Sinne von Vergroßstädterung?

Nein! Das will ich damit gar nicht sagen. Wir alle leben in einer Stadt, und die entwickelt sich. Aber sie muss sich auch menschenwürdig entwickeln. Worum es den Lister-Meilen-Geschäftsleuten ging, das war ja deren Intention, nur das, was zwischen Weißekreuzplatz und Lister Platz liegt, als primäre Oststadt zu bezeichnen. Und das ist zuwenig.

Die Oststadt geht doch bekanntermaßen vom Bahndamm bis zum Lister Platz, vom Welfenplatz bis zum Schiffgraben.

Ja, aber so hatten die das für sich und ihre Interessen definiert. Bei diesen Gesprächen fiel eine ganze Menge Oststadt einfach hinten runter. Ich denke nur an die Ecke hinterm Bredero-Hochhaus.

Das Fernrode-Viertel. ZOB, Bredero-Hochhaus, Ludwigstraße, Kronenstraße, Hallerstraße ...

Ach, heißt das so, wusste ich gar nicht. Ja, genau dieses ganze Viertel meine ich. Das wird einfach ausgegrenzt in deren Planungen, wie auch der Volgersweg. Dass der so schön geworden ist, das haben doch deren Anwohner geschafft, nicht die "Lister-Meilen-Aktionäre".

Über die Geschichte mit dem Bau des Schauspielhauses am Raschplatz brauchen wir, glaub ich, nicht mehr zu reden. Es steht ja nun woanders, und zwar auf Veranlassung des damaligen Landesfürsten Albrecht. Trotzdem gibt es seit dreißig Jahren dennoch Kultur hinterm Bahnhof.

Im März dieses Jahres war der damalige OB-Kandidat Stephan Weil, der jetzt ja die Nachfolge Schmalstiegs antritt, hier zu Besuch. Der wollte sich über die Institutionen im Stadtteil informieren, hatte aber nur eine Stunde Zeit. Da haben wir alle, das ganze Team, einen schönen gepflegten Gang durchs ganze Haus gemacht. Weil war sehr angetan von unseren Leistungen, und es war ihm gar nicht so recht klar, dass die sechs Einrichtungen, die hier im Hause tätig sind, schon von Beginn an dabei sind.
Wir arbeiten hier seit 29 Jahren neben- und miteinander. Damals konnte ja noch keiner ahnen, dass das Ganze auch funktioniert, zumal die Stadtverwaltung und der Rat uns nur mit knapper Mehrheit hier machen ließ. So bekam denn auch der Trägerverein, also die Bürgerinitiative, anfangs lediglich Jahres-Pachtverträge. Erst nach dem dritten Jahr gab es den ersten Zweijahresvertrag. Das hatte natürlich auch Einfluss auf unsere Planungen. Wie willst du ein längeres Projekt planen, wenn du nicht weißt, ob du das auch zu Ende bringen kannst. Damit wollte man uns natürlich auch an der kurzen Leine halten.
Nach 5 Jahren kam dann der erste Fünfjahresvertrag. 1995 hat der Rat die Pachtverlängerung bis 2010 beschlossen. Das ist natürlich eine schöne, vertrauensvolle Entwicklung. Und dem OB-Kandidaten konnten wir auch noch deutlich machen, wie wichtig die Volkshochschule im ersten Stock ist, den ja nur wenige kennen. Hier laufen ja die Hauptschulabschlusskurse, Kurse zur Integrierung Behinderter und vieles andere. Und das alles neben der Oststadtbibliothek, die die höchsten Ausleihzahlen aller Stadtteilbüchereien hat, oder neben der Theaterwerkstatt, die jetzt ihren 30. Geburtstag feiert.

Wie stehst Du zu der ständigen Kritik, ihr würdet nur von Steuergeldern leben?

Ich denke, man muss begreifen, dass solche Einrichtungen wichtige Aufgaben in der Entwicklung der Stadtgesellschaft haben. Die Stadt trägt die Betriebskosten für das ganze Haus. Außerdem bekommen der Workshop, die Theaterwerkstatt und wir Beihilfen. Darüber hinaus bekommen wir aber auch Unterstützungen von Stiftungen. Außerdem haben wir gute Einnahmen durch das Café Mezzo. Das Mezzo haben wir jetzt verpachtet, während wir das Palaver noch selbst betrieben haben. Aber durch dieses Franchising kann das Mezzo jetzt professioneller und wirtschaftlicher arbeiten.

Gewinnbringender...

Natürlich "gewinnbringender". Aber es geht doch darum, was die ganze Einrichtung davon hat. Und diese Gewinne fließen zurück an die BI. Darin unterscheiden wir uns von vielen anderen Kultureinrichtungen.

Also schießt die Kritik der "Schnorrermentalität" ins Leere?

Ein Viertel unserer Kosten zahlt die Stadt. Alles andere bringen wir selber auf. Also, um es mal ganz deutlich zu sagen: ich glaube, wir, also unserer Einrichtungen, haben eine ganz wichtige Aufgabe in der Entwicklung der Stadtgesellschaft. Bei uns steht die Soziokultur im Vordergrund. Zu unseren Veranstaltungen braucht niemand in Frack und Abendkleid zu kommen. Und - wir sind bezahlbar.

Du hast gerade eine Studienreise in die Ukraine unternommen. Hast Du dort Anregungen für Eure Weltmusikveranstaltungen bekommen?

Wir haben ja öfters schon Versuche gestartet, osteuropäische Kultur zu präsentieren. Ich habe da ja ein ganz besonderes Faible für. Aber das öffentliche Interesse ist noch nicht so groß. Doch wir machen an dieser Stelle weiter. Im Masala-Festival gibt es ja immer Beiträge aus Osteuropa. Und wir setzen einfach auf die Neugier der Menschen. Die Hannoveraner, und auch die Leute aus der Region, die haben, wenn es um Musik geht, immer ganz große Ohren. Deswegen ist so ein Kulturzentrum darauf ausgerichtet, neue, unbekannte Musik anzubieten. Musik, die auch zur politischen Auseinandersetzung, zum Engagement einlädt.

Zum Schluss noch ein Rück- und Ausblick. Im Jahr 2005 hattet ihr
650.000 Besucher
350 öffentliche Veranstaltungen
75 Theateraufführungen
51 Konzerte
67 Diskussionen
Ist deshalb jetzt "Pavillon XXL" angesagt?


Also, die bauliche Hülle hat sich ja in den 30 Jahren nicht geändert. Bis auf die Optik. Mit der Solaranlage hat der Pavillon einen schönen Hut gekriegt, und das passt zum Weißekreuz-Platz und zur Skyline. Und die Anlage ist ein Symbol, über Zukunftsenergien nachzudenken. Wenn wir in den kommenden 20 Jahren noch ein attraktives Kulturzentrum für die Bürger dieser Region sein wollen, dann müssen wir uns fragen, was müssen wir ändern. Deswegen wünschen wir uns bessere räumliche Bedingungen, vor allem auch bessere akustische Abtrennung. Dann könnten wir auch mehr Parallel-Veranstaltungen machen. So könnten wir z. B. in einem Teil des Gebäudes ein Konzert machen und gleichzeitig in einem anderen Teil Tagungen durchführen. Gleichzeitig ist ja der Umbau des ganzen Raschplatzkomplexes geplant. Aber die Planungen sind noch sehr diffus und uneinheitlich. Wir hatten mit der Architekturfakultät der Uni Hannover eine Arbeitsgruppe gebildet unter dem Arbeitstitel "Pavillon XXL". Damit wollten wir unsere Rolle in der Entwicklung der Stadtgesellschaft in die Planungen einbeziehen. Wir haben auch einen Entwurf vorgelegt für den künftigen Pavillon. Aber entschieden ist noch nichts.

In der Hoffnung, dass sich der Pavillon auf XXL-Format weiterentwickelt, danke ich Dir für dieses Gespräch.

Detlef H.O. Kopmann



Pavillon XXL das Planungsmodell

Der Eingang zum Pavillon Foto: D. Kopmann 09/2006

Eingang von der Freitreppe her Foto D. Kopmann 09/2006

Das Planungsmodell. Noch ein Hochhaus hinter dem Bahnhof

Der Geschäftsführer Uwe Kalwar


Die Autorin der Hosentaschengeschichten Dorthe Hodemacher

Die Geschichtenbox
Hosentaschengeschichten
Literatur zum Mitnehmen in der Oststadt

Hosentaschengeschichten sind Geschichten für die Hosentasche. Zum Einstecken, Lesen, Weitersagen. Sie erscheinen alle vier Wochen in der Geschichtenbox direkt unterm Schreibtischfenster der Autorin, Dorthe Hodemacher, Eichstr. 60, Oststadt, Hannover. Um vorsichtige Annäherung wird gebeten. Die Autorin ist etwas schreckhaft! Wer über den genauen Erscheinungstermin der nächsten Hosentaschengeschichte und über Hosentaschenspecials informiert werden möchte, schickt einfach eine E-Mail an Hosentaschengeschichten@gmx.de. Hosentaschengeschichten kosten nix.

Zur Person der Autorin: 28 Jahre alt, geboren in Hannover, aufgewachsen in Celle, seit zehn Jahren wieder hier. Abgeschlossenes Studium des Internationalen Informationsmanagement in Hildesheim, jetzt Studium an der "Drehbuchschule Wolfgang Pfeiffer" in Berlin. Zur Zeit Arbeit am ersten eigenen Spielfilmdrehbuch.

Zum Projekt: Damit die Arbeit am heimischen Schreibtisch nicht zur "Vereinsamung" führt, gibt es jeden Monat eine Hosentaschengeschichte, meist am 25. des Monats. Jede der bisherigen Geschichten ist 150- bis 250-Mal mitgenommen worden. E-Mail-Feedback ist zögerlich, aber fast jedes Mal, wenn die Autorin den Kasten nachfüllt, wird sie von Passanten angesprochen und bekommt Zuspruch, Lob, Dank. Geschichten für Erwachsene und Kinder zugleich, oft märchenhaft. Dorthe Hodemacher möchte die Menschen gerne für die Dauer der Geschichte aus der Realität entführen, wie in einem kleinen Urlaub.

Als Kind sammelte sie die Mike-Comic-Hefte von der Volksbank und die Lurchi-Hefte beim Schuhkauf. Daher rührt wohl auch der Wunsch, Geschichten zu verschenken. Natürlich ist das auch ein Probelauf, um Feedback von Lesern zu bekommen. Die junge Autorin hofft, in ein bis zwei Jahren genug Geschichten für ein Buch zusammen zu bekommen, da es sehr schwer ist, einzelne Kurzgeschichten zur Veröffentlichung zu bringen.

Achim Sohns

Download der Oktober - Hosentaschengeschichte:
Der Schlüssel im Briefkasten
Warum heißt diese Straße Lärchenstraße?
Weil sie ein alter Gartenweg ist, der schon im 18. Jahrhundert erwähnt wurde, und zum Lärchenberg führt. So meint es der Laienhistoriker und Hannoverchronist Helmut Zimmermann (in seinem Buch "Straßennamen Hannovers"). Wie so oft geht Zimmermann auch in dieser Behauptung fehl. Bis etwa um 1830 gab es in der Oststadt überhaupt keine Straßennamen. Die Ortschaften vor der Stadt waren klein, man kannte sich untereinander und die großen Straßen nach Celle, Hildesheim, Braunschweig führten an diesen verstreuten Siedlungen vorbei. Da gab es nur die Cellische Poststraße (alte Celler Heerstraße), die Hildesheimer Chaussee und die Braunschweiger Chaussee (Marienstraße). Unsere Oststädter Siedlungen vor der Stadt trugen lediglich ihren Namen und Hausnummern in der Folge ihres Entstehens und Erbauens. Und dort gibt es 1840 bereits eine Schankwirtschaft in der Ortschaft Bütersworth nr. 20, die der Familie Bartling gehört. Diese Familie ehemaliger Kleinbauern war zu Beginn des 19. Jahrhunderts so wohlhabend geworden, dass ihr die Häuser Bütersworth Nr. 1 und Nr. 4 gehören. Und diese sind die Wirtshäuser "Zum Neuen Haus" und "Zum grünen Walde" (das spätere Tivoli).
Im Jahre 1854 erhalten nach dem Volgersweg auch die weiteren Hauptgartenwege einen Namen. Die künftige Lärchenstraße bildet die Verlängerung des Volgerswegs in die Ortschaft Bütersworth und heißt deswegen "An der Bütersworth".

Das ist insofern verwirrend als die heutige "Bütersworthstraße" zwischen Eichstraße und Ostwen-derstraße liegt. Aber diese wurde erst 1890 ebenso als Planstraße angelegt wie die Ostwender Straße. 1854 wird die Straße "An der Bütersworth" umbenannt in "Lärchenstraße", zumindest der nördliche Teil des Volgersweges. Was war wohl der Grund dafür? 1854 legte Georg Ludwig Laves Hannovers Pracht- und Flaniermeile, die Königstraße an. Die Bartlings besaßen an beiden Enden der Königstraße zwei feine Restauritäten, das "Neue Haus" und das "Tivoli". Zwei Jahre zuvor hatten sie die Schankwirtschaft "An der Bütersworth Nr. 4", nun Lärchenstraße Nr. 4, an einen Johann Wittmeyer verpachtet. Das deutet nun ganz stark darauf hin, dass die Bartlings mit ihrem untrüglichen Geschäftssinn sich auf lukraktivere Gefilde zurückziehen wollten. Denn die Lärchenstraße war kleinbäuerliches Viertel und als Verlängerung des Volgersweges gerade bis zur Schankwirtschaft Wittmeyer halbwegs befestigt.
Zwar gibt es die Theorie, dass Wittmeyers Wirtschaft auch Pferdewechselstation gewesen sei. Doch das ist wenig glaubhaft. Dieses Haus ist um 1750 erbaut und von den Bartlings sicherlich auch großzügig als Waldwirtschaft für Ausflügler geplant, aber später aufgegeben worden. Aus obigen Grün-den. Hier lief kein Fernverkehr lang. Und bäuerliche Fuhrwerke, die durch die feine Bödeker- und die noch feinere Königstraße fahren, das ist unvorstellbar! Der "Verein zur Hebung des Östlichen Stadtteils"* hätte sich sofort dagegen aufgelehnt.
Nun müssen wir doch einmal auf dieses wunderschöne Fachwerkgebäude zu sprechen kommen, in dem vor zehn Jahren noch die "Altdeutsche Bierstube" saß.

Durch die freundliche Bereitschaft und Unterstützung des jetzigen Eigentümers war es mir vergönnt, mir dieses ganze Gebäude anzusehen. Ursprünglich zweigeschossig wurde es später aufgestockt und die oberen beiden Stockwerke sind sehr eng, verwinkelt, die Zimmer, obwohl oft ver-ändert, noch nachvollziehbar klein. Es gibt verschiedene Eingänge, die jeweils in ursprünglich ab-getrennte Wohnbereiche führen. Da taucht eine Idee auf: Die Lärchenstraße war fast bis 1900 ausschließlich geprägt von Kleinbauern, Handwerkern, Kleinstgewerbetreibenden. Sie war, mit dem Lärchenberg, der Hinterhof der edlen Parallelstraßen. Mit Sichrheit wohnte hier auch das Dienstpersonal der feinen Leute aus der Hohenzollern- und der Bödekerstraße. Dass der Kneipier Georg Wittmeyer seine Lokalität dann zur Zeit der mutmaßlichen Aufnahme, also um 1890 in "Restauration" taufte, das deutet stark auf einen Herbergscharakter hin. Wandernde Handwerker, die billige Unterkunft suchten. Und die fanden sie im Hinterhof der feinen Leute. Vielleicht konnten sie ja sogar auf Anstellung in den Villen rechnen. Das ist nicht gerade abwegig. In der gleichen Straße gab es eine andere Herberge, die ließ der Kaufmann Gosewisch im Jahre 1905 abreißen, um an dessen Stelle ein großbürgerliches Mietshaus zu bauen. Dieses im Jugendstil erbaute Haus steht noch immer dort.

Nachdem nach die Bödekerstraße, die Hohenzollern- und die Yorckstraße - dieses Viertel zum Wohnquartier par execellence" definiert wurde, verschwanden die Ureinwohner, die Gartenkosaken, ziemlich schnell. Eines der letzten Bilder aus der Lärchenstraße zeigt, wie es vor 110 Jahren dort noch ausgesehen hat.

Danach verlor die Lärchenstaße ihren Hinterhofcharakter und wurde bereits zur Jahrhundertwende 1900 vom großbürgerlichen Wohnflair okkupiert. Lediglich Wittmeyers Schankwirtschaft schien der Veränderung zu trotzen. Der letzte Johann Georg wird im Adreßbuch 1938 erwähnt. Und ein Kneipen- und Gastronomiebetrieb blieb das Haus bis zuletzt. Natürlich sind auch der Fleischermeister Wenderholt, der um 1870 das Haus in der Lärchenstraße 1 baute (heute "au Camembert"), heute auch Geschichte. Doch Häuser aus der Neogotik finden wir doch schrecklich häufig in Hannover.

Ein wirklicher Skandal war es hingegen, als der städtische Denkmalschutz dem Haus Nr. 4 1996 die Schutzwürdigkeit absprach, weil die damaligen Eigentümerinnen, zwei alte Damen um die siebzig, das Geld für die Renovierung eines ein viertel Jahrhundert alten Fachwerkgebäudes nicht aufbringen konnten. Der Wirt der "Altdeutschen Bierstuben" konnte es erst recht nicht. Dem versagten sie denn auch die Konzession. Und 1997 versagten ihm die Finanzen. Er ging pleite. Dass jedoch dieses Haus eines der letzten Zeugnisse der alten hannoverschen Vorstadt ist, darauf reagierten nicht nur die Denkmalschützer sondern auch eine äußerst kompromiß-kompetente Stadtbaurätin völlig taub. Die alte "Bütersworth Nr. 20", Lärchenstraße 4 ist ein Haus mit Geschichte. Mit viel mehr erforschenswerter Geschichte als jeder Altbau in der Innenstadt (von denen wir ja sowieso wissen, dass die ganzen Häuser da so nie gestanden haben). Wittmeyers Gasthaus hat immer da gestanden. Und hat noch immer viel zu erzählen.
Zur Jahrtausendwende hat es ein Architekt gekauft und ebenso behutsam wie detailgetreu restauriert. Einzig die Holzverschalung entspricht nicht dem Original. Doch dies sei eine Konzession an die norddeutschen Wetterverhältnisse gewesen. Das Haus stehe mit der Front zur Wetterseite. Dies hätte auch das Fachwerk über die Jahrhunderte so stark geschädigt. Doch unter der Verschalung befindet sich die originale Rekonstruktion des alten Fachwerks.
Gerät konstruktiver Denkmalschutz heute mehr und mehr zur Privatsache?
Erstaunlicherweise vollzieht sich Stadtkultur immer mehr durch privates Engagement. Die Königstraßen-Ansiedler haben es bewiesen, die Volgersweg-Ansiedler auch. Und schließlich "Wittmeyers Schankwirtschaft". Woraufhin sich die Frage aufdrängt: wie kompetent ist die Stadt eigentlich im Bezug Denkmalschutz? Es gibt etliche taxifahrende Architekturhistoriker, die mehr kompetentes Wissen horten, als die zuständigen Beamten im Rathaus. Erhaltenswertes Dogma ist für den Denkmalschutz nur die Schönheit. Und schön ist, was an pompösem Kitsch aus der Gründerzeit überliefert ist. Und unsere Gazetten steigen in dieses Dogma noch immer voll ein.

Ach ja, ich vergaß: die Lärchenstraße wurde so benannt, weil sie zum Lärchenberg führt. Und in einer sehr schönen Karte aus dem Jahre 1805 kann man in Höhe der Seligmann-Villa eine leichte Erhebung erkennen, mit Baumbewuchs. Zwar nicht so hoch wie der Lindener Hügel, aber immer-hin. Und obwohl dieser Hügel bei der Anlage der Hohenzollernstraße planiert wurde, so gelangt man noch heute, wenn man in dieser Ecke die Hohenzollernstraße überquert, in eine Senke. Das ist der Rest des Lärchenhügels.

DHO

* Ein kostbares Dokument, welches der Verfasser stolz ist, in seinem Archiv zu besitzen: Karl Eberhardt: Festschrift zur 25jährigen Jubelfeier des Vereins zur Hebung des östlichen Stadtteils. Hannover 1908. Vereinsmitglieder war die Créme der Oststädter Oberschicht. Und die wollten alles aus der Oststadt tilgen, was nach dreckiger Arbeit und stinkendem Schweiß aussah.

Blick in die Bödekerstr. um 1875. Vorn links der Volgerweg, rechts die Lärchenstr.

Lärchenstr. 4 Schankwirtschaft Wittmeyer um 1880
"Altdeutsche Bierstube" um 1970

Lärchenstr. 16b

Lärchenstr. um 1880

Lärchenstr. 4 heute
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