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Weihnachten ohne meine Oma
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Dieses Jahr werden wir das erste Mal Weihnachten ohne meine Oma feiern. Meine Oma war eine richtige niedersächsische Oma. Sie lebte in einem kleinen Fachwerkhaus auf dem Dorf, an das nach und nach immer noch ein Zimmer angebaut worden war, sodass es am Ende ganz zusammengestückelt und verwinkelt aussah. Meine Oma war eine kleine Frau, die bunte Kleider aus den letzten fünf Jahrzehnten auftrug und sich alle paar Monate eine Dauerwelle in ihr weißes Haar legen ließ. Sie benutzte Worte wie ‚Sonnabend’, ‚Lüttsche’ und ‚Stube’. Sie roch nach Uralt Lavendel und selbst gekochtem Zwetschgenkompott. Mit neunzig Jahren weigerte sie sich noch, sich von meiner Schwester die Gardinen waschen zu lassen. In den letzten Jahren ihres Lebens trug sie ihren Mann und ihr jüngste Tochter zu Grabe, doch wer glaubt, sie hätte sich davon brechen lassen, der weiß nicht, wie viel Kraft in so einer niedersächsischen Oma steckt. Weihnachten mit meiner Oma war immer etwas ganz Besonderes. Als Kind fuhr ich oft schon ein paar Tage vor Heiligabend zu meinen Großeltern, wahrscheinlich damit meine Eltern in Ruhe das ganze Weihnachtschaos bewältigen konnten. Heute weiß ich, dass ein so nervöser Mensch wie meine Mutter nie in der Lage wäre, ein großes Familienfest ‚in Ruhe’ vorzubereiten. Schließlich bin ich genau so ein nervöser Mensch wie sie geworden. Diese Tage bei meinen Großeltern waren ruhig und beschaulich, immer nach demselben Muster organisiert. Morgens, wenn die Glocken das erste Mal läuteten, krabbelte ich zu meiner Oma ins Bett. Mein Opa ging ins Bad. Auch mit weit über achtzig hat er noch jeden Morgen kalt geduscht. Dann holte er ausnahmsweise sogar Brötchen vom Bäcker gegenüber, für mich einen süßen ‚Hedwich’. Vormittags wurde die Hausarbeit erledigt. Die Daunenbetten aus dem Fenster hängen und später ausschütteln - wie bei Frau Holle -, Staub saugen, Staub wischen, Fenster putzen. Das Mittagessen fiel an Heiligabend unspektakulär aus. Ich glaube, es gab meistens Makkaroni mit Omas wässriger Soße aus Würstchenscheiben, Brühe und Tomatenmark. Wie ich diese Makkaroni damals geliebt habe! Die Reste vom Mittagessen stellte meine Oma in einer klapprigen Blechschale auf den Gartenweg vor dem Küchenfenster. Aber die scheuen Dorfkatzen holten sie immer genau dann, wenn man nicht mehr hinsah. Dann kam die anstrengendste Zeit. Der Mittagsschlaf! Meine Oma legte sich immer auf das Sofa im Wohnzimmer, während mein Opa in seinem Arbeitszimmer eine eigene Couch hatte. Zwischen meiner Oma und der Rückwand des Sofas war genau Platz für ein Kind – mich natürlich. Meine Oma bekam die Kuscheldecke und ich lag unter einer ihrer selbst gehäkelten Decken. Ich glaube, es war die grün-rote, die heute einfach nur noch scheußlich aussieht. Ich lauschte dem Ticken der Buffetuhr, dem Geräusch der vorbeifahrenden Autos und dem Schnarchen meines Opas. Die weißen Haare auf der Oberlippe meiner Oma bewegten sich im Rhythmus ihres Atems. In späteren Jahren beschlich mich manchmal die Angst, sie würde vielleicht einfach nicht mehr aufwachen nach einem solchen Mittagsschlaf, aber so sollte es nicht kommen. Um drei Uhr nachmittags saßen wir dann endlich in der Kirche. Was der Pastor da erzählt haben mag, ich könnte es nicht sagen. Es gab wenige Predigten, die so vollkommen an mir vorbei gegangen sind, wie die Weihnachtspredigten. Viel aufregender war doch, dass wenn wir nach der Kirche nach Hause kamen, im Wohnzimmer ein komplett geschmückter Weihnachtsbaum stand. Bei meinen Eltern gab es immer nur Kugeln aus klarem Glas, Strohsterne und rote Schleifen. Der Baum meiner Großeltern hingegen war mit bunt spiegelnden Kugeln, allerlei zusammengesammelten Anhängern, jeder Menge Lametta und vor allem mit bunt geschnürten Schokoladenpäckchen behängt. Es gab die Schokoladenpäckchen, die Krokantkugeln, die Nugattannenzapfen und die Cresta-Anhänger. Dafür hatten meine Großeltern keine Kerzen mehr, nur noch eine elektrische Lichterkette, seit meine Oma in Ermangelung von Kerzen einmal Wunderkerzen an den Baum gesteckt hatte. Der Fleck im Teppich müsste heute noch zu sehen sein. Und natürlich lagen unter dem Baum jede Menge Geschenke! Die wurden aber alle in einen großen Wäschekorb gelegt und mit ins Auto genommen. Ich durfte mir einen der Schokoladenanhänger aussuchen und dann fuhren wir los zu meinen Eltern. In meiner Erinnerung hat es jedes Jahr genau in diesem Moment angefangen, dicke Flocken zu schneien, weswegen meine Eltern unendlich froh waren, wenn wir schließlich heil bei ihnen eintrafen. Der wahre Grund für die Freude meiner Eltern dürfte aber wohl eher mit dem alten Audi meines Opas und mit seiner unsicheren Fahrweise zu tun gehabt haben. Es ist so gut wie unmöglich, einem alten Niedersachsen mit grünem Star seinen Führerschein auszureden, solange er eine getreue Ehefrau auf dem Beifahrersitz hat, die ihm an jeder Kreuzung bescheid sagt, wenn die Straße frei ist und er losfahren kann. Meine beiden großen Schwestern erzählten mir, dass sie früher immer eine Wette gehabt hatten. Jeder zählte während der Fahrt auf seiner Seite die leuchtenden Weihnachtsbäume und wer am Ende die meisten hatte, hatte gewonnen. Aber jetzt wohnten wir viel näher am Dorf meiner Großeltern als damals, als meine Schwestern noch klein gewesen waren. Im Haus meiner Eltern fand dann die richtige Bescherung statt. Mit Kaffeetrinken vorweg, mit einem Glöckchenklingeln aus dem versperrten Wohnzimmer, das verkündete, dass der Weihnachtsmann da gewesen war, mit dem obligatorischen Blockflötenvorspiel und nicht enden wollenden Geschenkfluten. Beim kalten Büffet machte mein Opa sich regelmäßig über die Knoblauchgarnelen her, obwohl er sonst nur aß, was auch bei ihm im Dorf wuchs. Meiner Oma schmeckte sowieso alles gut. Dieses Jahr im August lag meine Oma dann plötzlich vor ihrem Herd, mit merkwürdig verdrehten Beinen, wie man mir erzählt hat. Die Schwester von der Sozialstation, die ihr seit einiger Zeit morgens und abends mit dem Umziehen half, hat sie gefunden. Der Tisch war zum Abendbrot reich gedeckt gewesen. Sie muss Appetit gehabt haben, wie schon lange nicht mehr. Neben dem Herd stand die offene Milchtüte. Wahrscheinlich wollte sie sich noch ein paar Haferflocken kochen, wie so oft, hatte sich umgedreht, um einen Topf aus dem Schrank zu nehmen und da war er gekommen. Ein schneller, sanfter Tod nach zweiundneunzig Jahren erfüllten Lebens. Zwei Töchter, ein Sohn, der nur wenige Tage gelebt hatte, fünf Enkel, vier Urenkel, zwei Kriege und vier verschiedene Währungen. Dabei war meine Oma nie mehr als fünfzig Kilometer umgezogen. Dieses Jahr werden wir das erste Mal Weihnachten ohne meine Oma feiern. Ich werde dafür sorgen, dass genug bunte Schokoladenanhänger an unserem Weihnachtsbaum hängen. Vielleicht mache ich mir auch einen Spaß und zünde eine Wunderkerze für sie an, im Garten natürlich. Sie hätte mit mir darüber gelacht, da bin ich mir sicher. Dorthe Hodemacher |


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Online-Interview mit Sonja Eick
Die neue am 13.11.2006 im Bezirksrat
Hannover-Mitte gewählte Bezirksbürger-meisterin im
Stadtbezirk Mitte / Oststadt beantwortet Fragen von
www.Hannover-Oststadt.de
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www.Hannover-Oststadt.de: Was kennzeichnet aus Ihrer Sicht den Hannoverschen Stadtteil Oststadt?
Eick: Der
Stadtteil Oststadt gewinnt ständig an Attraktivität auch bei
jungen Familien und älteren Menschen. Fußläufige gute
Einkaufs- und Hilfe-Möglichkeiten sind vorhanden. Die kulturellen
Angebote bereichern den Stadtteil und machen ihn interessant für
neue Projekte und MieterInnen.
www.Hannover-Oststadt.de: Was sind die Problemzonen in der Oststadt? Eick: Ausgesprochene Problemzonen sehe ich in der Oststadt eigentlich nicht. Wohl aber besondere Probleme beim ruhenden Verkehr und bei den unbelehrbaren Hundehaltern, deren Hunde ihr Geschäft dort verrichten, wo es verboten ist. Das vorhandene Angebot von öffentlichen Nahverkehrsmitteln ist im wesentlichen bereits bürgerInnenfreundlich gestaltet.. Es sollte über neue Standorte für das Stadtteilauto nachgedacht werden. Fahrradstraßen, die diesen Namen auch verdienen, müßten vorrangig eingerichtet und zur Nutzung angeboten werden. Dem Hundeproblem auf den Spielplätzen in dem Stadtbezirk Mitte und hier speziell in der Oststadt wird sich der Bezirksrat besonders annehmen. Die schon im Rahmen des Projektes "Ökologische Umgestaltung von Spielplätzen und Schulhöfen" im Kinder- und Jugendbeteiligungsverfahren gestalteten Spielplätze müssen uneingeschränkt genutzt werden können. www.Hannover-Oststadt.de: Was mögen Sie an der Oststadt besonders? Eick: Ich mag das intensive bunte Leben in der Oststadt, wie die Kneipe nebenan, das Cafè um die Ecke, den Pavillon mit der kulturellen Vielfalt mittendrin, die vielen Menschen, Jung und Alt, die dort wohnen und arbeiten, die geschäftige Lister Meile, die Citynähe, das Milchhäuschen und die Ruhe in der Eilenriede ... www.Hannover-Oststadt.de: Der Bezirksrat und Sie als Bezirksbürgermeisterin sind neu gewählt worden. Es gibt eine neue Mehrheit aus Grünen und SPD. Ergeben sich daraus neue Schwerpunkte - etwa in Bezug auf die Problemzonen - in der Stadtteilarbeit? Eick: Die Schwerpunkte geben uns die Menschen vor, die in der Oststadt leben. Lösungsansätze wird man immer wieder neu diskutieren müssen. Aber das macht es auch interessant. www.Hannover-Oststadt.de: Nach dem Ideenwettbewerb der Stadt in 2006 zur Neugestaltung des Bereichs vom Andreas-Hermes-Platz über den Raschplatz-Pavillon bis zum Weißekreuzplatz soll im Jahr 2007 ein sogenannter Realisierungswettbewerb durchgeführt werden. Wie wird sich der Bezirksrat hieran beteiligen und sicherstellen, dass neben den Interessen der Geschäftsleute im Stadtteil auch die Interessen der Wohnbevölkerung hierbei Berücksichtigung finden? Eick: Durch neue Beteiligungsverfahren wollen wir alle AnwohnerInnen und NutzerInnen des Platzes und seines Wohnumfeldes erreichen und sie einbinden in die Planung der Umgestaltung des genannten Areals. Der Bezirksrat Mitte hat eine "Wächterfunktion" und wird auf jeden Fall zum sog. Realisierungswettbewerb nach der Niedersächsischen Gemeindeordnung angehört werden. Frau Bezirksbürgermeisterin, wir danken für das Interview. Frau Eick ist unter der E-Mail-Adresse SonjaEick@aol.com für Bürgeranfragen zu erreichen. |
Toranlage Spielplatz Bonifatiusplatz

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Frische Stadtteil News
Aus der Gastronomie Von Königsberg nach Barcelona
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Nachdem der in der Oststadt mit dem französischen Restaurant Clichy (www.clichy.de) vertretene hannoversche Gastronom Ekkehard Reimann das Königsberg
an der Lister Meile / Weißekreuzplatz vor zwei Jahren an seinen
Koch weitergereicht hatte, musste dieser nun im Sommer leider zumachen.
Das Lokal übernommen hat nun die Gastronomiekette Cafe-Bar-Celona (www.cafe-bar-celona.de ), die bereits seit längerem im Zentrum neben der Marktkirche vertreten ist. Sie macht es damit der Cafe-Extrablatt-Kette (www.cafe-extrablatt.de) nach, das ebenfalls nach der Innenstadt die Nachbarschaft des nach wie vor immer überfüllten Mezzo (www.caffe-mezzo.de) im Pavillon als lukrativen Standort entdeckte. Das Königsberg führt nur noch ein Nachleben im Internet, da wohl bei der Liquidation vergessen wurde, auch die Segel bei der Homepage www.derkoenigsberg.de zu streichen. / evk Grotte statt Charisma Mit der Grotte muss ein Urgestein in der hannoverschen Kneipenlandschaft den Standort wechseln. Die Immobiliengesellschaft der Region Hannover (http://www.hrg-online.de/), unterzieht als Hauseigentümerin das Gebäude einer seit langem überfälligen Grundsanierung und wandelt die Gastronomieräume in Folge in Wohneigentum um. Günstig, dass die Räume der seit einem Jahr leerstehenden Eckkneipe Charisma an der Straßenkreuzung Fundstraße/Flüggestraße/Große Pfahlstraße/ Eichstraße ebenfalls der HRG gehören. So zieht die Grotte zweihundert Meter weiter Richtung Weißekreuzplatz. Manche Stammgäste werden das grottige Feeling am neuen Standort vermissen, andere die frischrenovierte Bistroatmosphäre schätzen. / evk Spielplatz Fundstraße Der Spielplatz Fundstraße gehört zu den beliebtesten Spielplätzen für Kleinkinder in der Stadt. Leider ist er gleich an mehreren Stellen direkt zum Straßenverkehr der Fundstraße hin offen, so dass Mütter und Väter ihren Nachwuchs immer wieder aktiv davor bewahren müssen vors Auto zu laufen. Eine Erweiterung der bestehenden Abzäunung und Installation eines Schwingtors wie am Spielplatz Bonifatiusplatz wäre die Lösung, befand der Oststadt e.V. vor einem Jahr und beschloss, dass die Überschüsse aus dem Fundstraßen-Fest von 2005 zur Umsetzung dieses Plans eingesetzt werden sollen. Die Wartungskosten für den Unterhalt 6 Meter zusätzlichen Zauns und das Schmieren des Schwingtors seien zu hoch, befand die Stadtverwaltung und ließ das Projekt erst mal versanden. Im zweiten Anlauf hoffen die Eltern nun mit Unterstützung des Bezirksrats Mitte ans Ziel zu kommen. Die Koalitionsfraktionen Grüne und SPD schlossen sich dem Anliegen an und haben bereits einen entsprechenden Antrag für die nächste Bezirksratssitzung (http://www.hannover.de/de/buerger/ent-wicklung/drucksachen/index.html) am 11. Dezember um 19.00 im Rathaus vorbereitet. / evk |
Das "Neue Haus" nach 1894 




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Warum heißt dieser Platz "Emmichplatz"?
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Weil niemand in Hannover von den Ureinwohnern
diesen Platz so nennt.
Er er hieß von 1712 bis 1933 „Vor dem Neuen Hause“.
Weil zu Beginn des 18. Jahrhunderts das Gerücht umging, in
Süddeutschland sei die Pest ausgebrochen, errichtete der Magistrat
zwei Meilen vor den Toren der Stadt eine Quarantäne-Station, das
„Pesthaus“, um die Seuche von der Stadt fernzuhalten. Jene
Erkrankungen, die erstmals im Süden Deutschlands auftauchten,
waren die Auswirkungen von Hunger und Elend. Im Zuge der
Frühindustrialisierung waren in ganz Deutschland für den
Bergbau, das Salinenwesen, die Köhlerei, Weberei, Färber-,
Gerber- und Kürschnerei derart brutale Eingriffe in die Natur
vorgenommen worden - Wälder gerodet, Bäume verfeuert,
Flüsse verseucht, Böden vergiftet -, dass die Natur nicht
mehr imstande war, genug Nahrung für Mensch und Tier
hervorzubringen. Im Süden Deutschlands verhungerten die Menschen,
aber auch im Schaumburgischen, in der Heide und im Harz. Im Süden
Deutschlands waren die Wirtschaftsflächen erheblich kleiner als im
Norden und so schlugen sich wirtschaftliche Notstände öfter
in Epidemien nieder. Doch Ökologie war damals noch nicht erfunden.
Nur die Panik vor Seuchen gab es schon seit Jahrtausenden.
Kurz: die Pest blieb aus. Die Stadt hatte diese Quarantänestation auch nicht Pesthaus genannt, sondern „Das Neue Haus“. Obwohl sicherlich viele „neue Häuser“ in dieser Zeit in Hannover gebaut wurden. Und weil die Pest ausblieb, verkaufte die Stadt diese Immobilie an die Kleingärtnerfamilie Bartling. Die bauten das Pesthaus zu einer Schenke um. Das war zunächst nicht sonderlich lukrativ, denn kaum einer von den Gartenleuten hatte genug Geld, um es in die Kneipe zu tragen. Man braute Bier und brannte Schnaps halt selbst. Doch die Bartlings verstanden es wunderbar, diese alte Baracke als Ausflugslokal anzupreisen. Das machten sie auch mit dem „Steuerndieb“ und dem „Wirtshaus zum grünen Walde“, dem späteren Tivoli. Das „Tivoli“ lag am Knotenpunkt einer Umgehungsstraße um die Stadt, der „Umfuhr“, und war lange eine Fernfahrerkneipe. Aber mit den ersteren hatte man eine Marktlücke entdeckt. Bereits zur Mitte des 18. Jahrhunderts gab es reichlich wohlhabende Hannoversche, die genügend Geld und Zeit besaßen, um beides zu zerstreuen. Unter denen wurde der Ausflug aufs Land ein echter Renner. Zwei Generationen später kam der Durchbruch. Auch der „Steuerndieb“ und „der grüne Wald“ wurden nun richtige Ausflugslokale. Doch das „Neue Haus“ stach durch seine Attraktivität am Rand der Eilenriede hervor, in der man Kaffee und Kuchen ablaufen konnte. Ein Ausbau des alten Pesthauses erschien aus wirtschaftlichen Gründen dringend geboten. Doch nicht nur aus diesen – bereits im Jahre 1888, vier Jahre nach der Errichtung des Kriegerdenkmals an der Stelle, wo heute die Fußgängerampel Ecke Hohenzollernstraße steht, forderte der „Verein zur Hebung der Oststadt“: man möge doch das Neue Haus derart umgestalten, dass es „ein würdiges Pendant“ zum Denkmal für die Helden von Sedan gäbe. Solch würdiges Gedenken an den Sieg über die Franzosen 1871 gibt es heute nicht mehr. Es wurde von einer korrekten Bombe getroffen. Doch zurück zum Thema: Die letzte Witwe Bartling verkaufte ihre Immobilie an den Restaurateur Otto Goetze, der 1894 das alte Pesthaus abriss und durch einen pompösen Neubau ersetzte. Dieses Haus, dessen kitschiger Mischmasch an Baustilen fast nur noch vom neuen Rathaus überboten wurde, baute der Stadtbaumeister Paul Rowald für den Veranstalter Goetze. Und der Stadtgartendirektor Julius Trip gestaltete den bis dato noch reichlich wildwuchernden Wald hinter dem Veranstaltungszentrum als Park zum Lustwandeln um. Ja! Veranstaltungszentrum – und was fand hier nicht alles statt. Zunächst einmal war der Zoo in der Nähe. Der war bereits 1864 gegründet worden und entwickelte sich zunächst nur schleppend.* Also veranstaltete man im Neuen Haus Tierschauen, oft mit artistischen Einlagen. Doch das war nicht alles. Des Sommers warteten vor dem Neuen Hause, etwa dort, wo heute der lange Grünstreifen zwischen Schiffgraben und Hindenburgstraße ist, Heißluftballone, die Stadtrundflüge anboten. Es gab sommerliche Promenadenkonzerte, Winterbälle und Kostümfeste. Das Neue Haus war bis zum Ende des Ersten Weltkriegs das feinste Veranstaltungszentrum Hannovers. 1924 kaufte die Stadt das Etablissement und es mutierte zum bloßen Tanzlokal. Das war es auch noch in den Fünfzigerjahren. Immerhin: eine Innovation gab es noch in dieser Spätzeit, vor dem Abriß: 1956 wurde hier der erste Minigolfplatz Hannovers eingerichtet. Doch dann ging es finanziell langsam abwärts. „The times they are a´changing“. Die Zeiten änderten sich rapide. Tanztee war mega-out, Rock und Pop waren angesagt. Aber nicht nur Peter Kraus, Conny Froboess und Ted Herold imitierten Elvis Presley und Bill Haley, in Hannover hatte sich klammheimlich eine Rockszene etabliert, die zu den besten in Deutschland gehören sollte. Doch auch das ist eine völlig andere Geschichte, die nur exemplarisch ausdrücken soll, dass die Zeiten des neo-gotisch-romantisch-renaissanten Gemäuers längst vergangen waren. Der „arme Gigolo, schöne Gigolo, vorbei sind [seine] Zeiten“ Stattdessen hieß es „a-bee-bob-a-loo-bob, a lop-bam-bo“ und „beep-beep´n-beep-beep --- yeah!“ Die Musik spielte nun im Domi (dem Leine-Domizil) und anderswo. Im August 1968 schloß das Neue Haus, ein halbes Jahr später wurde es abgebrochen. Der Krieg hatte es zuvor schon beschädigt. Und nach der Beseitigung des unsäglichen Sedandenkmals erinnerte nun nichts mehr an jene Zeit, die Deutschland für zwei Kriege verantwortlich machte. Einer dieser erzreaktionären Kriegshelden war es auch, der dem Neuen Haus seinen Namen nahm: General Otto von Emmich. 1848 geboren, trat er ins Militär ein und war im Deutsch-Französischen Krieg bereits als übler Rassist bekannt, der allerdings schnelle Erfolge erzielte. Schnell wurde er General und 1909 Befehlshaber des X. Armeecorps Hannover. Beim Sieg der Deutschen über die Russen 1914 bei Tannenberg stand er Hindenburg zur Seite. Wenig später eroberten seine Truppen „im Handstreich“ die belgische Stadt Lüttich. Emmich wußte, wie wichtig diese Verteidigungslinie gegen die Franzosen war und muss als der eigentliche Erfinder des Stellungskriegs gesehen werden (den er jedoch nie befehligte, weil er wenige Monate nach Verleihung des höchsten deutschen Staatsordens „Pour le Merite“ im Dezember 1915 starb). Vor seinem Tode wurde er noch, in einem Abwasch mit Hindenburg, Ehrenbürger Hannovers. Und die Nazis widmeten ihm dann 1933 diesen Platz. Die Stadt versuchte bereits in den Sechzigerjahren anlässlich der Aufnahme der Partnerschaft mit der französischen Stadt Perpignan, diesen Emmichplatz wieder zu entfernen, stieß allerdings auf erhebliche Widerstände seitens der Erben. Obwohl: mittlerweile dürften die doch alle ihrem Ahnen gefolgt sein, und außerden: mit der Entfernung des Carl-Peters-Platzes hat es doch auch geklappt. Und die Hannöverschen haben sich eh nie an den Namen gewöhnt. Für die heißt der Emmichplatz noch immer „Neues Haus“. Dort steht nun seit 1973 ein neues renommiertes Haus: Die Hochschule für Musik und Theater. Die hatte zwar auch schon eine längere Tradition in Hannover, hieß zunächst jedoch städtische Musikakademie und residierte von 1958 bis 1972 im Lister Turm. Gründer dieser Akademie war der Musikpädagoge Willy Träder, der Immenses zur Musikerziehung in Hannover geleistet hat. Fünf Jahre zuvor hatte er die städtische Jugendmusikschule gegründet, aus deren „Fundus“ sich seither der städtische Knaben- und Mädchenchor speisen. Letztere hatte seit ihrer Gründung bis ins Jahr 1973 in der ehemaligen Knoevenagelschen Villa in der Hohenzollernstraße 4 gesessen. (Albrecht Knoevenagel war der erste und am längsten produzierende hannoversche Fabrikant für Eisenbahnwaggons und hatte seine Waggonfabrik bis 1905 dort gehabt, wo heute das neue Amtsgericht am Volgersweg steht: hinterm Bahnhof.) Während die Jugendmusikschule 1973 in die Seligmann-Villa übersiedelte (wir berichteten drüber), durfe die Musikakademie im gleichen Jahr in ein nur äußerlich unscheinbares Gebäude beziehen. Erst von oben offenbart sich die Symbolik des von Rolf-Dieter Ramke geschaffenen Baues. Es ist ein Bau, in dem Kunst gelehrt wird, zu Gehör gebracht werden soll! So sieht das Gebäude auch aus: es ist ein OHR! Über die Musikschule muss ich aber leider ebenso schweigen wie über den Zoo. Wer wollte all die renommierten Dozenten, die innovativen Fakultäten aufzählen, geschweige denn die Musiker, die Schauspieler, die dieses Gebäude am Rande der Eilenriede und am Rande der großen Kulturmetropolen hervorgebracht hat. Das erfordert schon eine ganz eigene intensive Widmung. Und die wird es sicherlich geben. Nur eines noch: Vor dem modernen Bau stehen noch immer die alten Arkaden des Neues Hauses. Und wenn man das Gebäude umrundet, so findet man noch etliche Friese des alten Gemäuers. * Über den Zoo ließe sich auch eine hundertfünfzigjährige Geschichte berichten, doch die müssen wir für ein anderes mal aufsparen. Detlef H.O. Kopmann |